Ein in Berlin lebender Sinto berichtet

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„Wir sind nun mal aus einer Familie, die nicht akzeptiert wird. Leute, die mich nicht akzeptieren, die akzeptieren mich nicht und Leute, die mich mögen, die mögen mich.“

Das ist Rubens1 Fazit aus seiner Lebensgeschichte, die er uns in einem Interview Mitte April 2015 in seiner Pankower Wohnung erzählt. Dabei ist Ruben erst Anfang 30, sieht, wie er selbst sagt, einfach nur ein bisschen südländisch aus und doch hat er bereits ein Leben voller rassistischer Erlebnisse hinter sich.

Rubens Kindheit im Zirkus

Ruben wurde 1982 in Hannover geboren. Da sich seine Eltern der Volksgruppe der Sinti zuordnen, ist auch er von Geburt an ein Sinto. Ihren Stammbaum kann die Familie bis auf die erste urkundliche Nennung von Sinti in Deutschland im Jahre 1407 zurückverfolgen. Ruben gehört somit zur sogenannten Hildesheimer Familie. Wenn Ruben heute von seinen zwei eigenen Kindern spricht, dann hört man auch ein bisschen den Stolz, den er damit verbindet, ein Sinto zu sein – „Zwei kleine Sintos“, er lacht.

Anton erinnert sich noch gut an die Anstrengungen des Zirkusalltags, die unter anderem mit dem Aufbau des Zirkuszeltes verbunden waren. Dennoch überwiegt für ihn das Gefühl einer freudvollen Kindheit im Zirkus. Foto: J.-H.Janßen, Lizenz: Public Domain.
Ruben erinnert sich noch gut an die Anstrengungen des Zirkusalltags,
die unter anderem mit dem Aufbau des Zirkuszeltes verbunden waren.
Dennoch überwiegt für ihn das Gefühl einer freudvollen Kindheit im
Zirkus. Foto: J.-H.Janßen.

Bereits wenige Tage nach Rubens Geburt verließ die Familie Hannover. Der Zirkusbetrieb, den die Familie besaß, musste weiterfahren. Seine ganze Kindheit über war Ruben meistens nicht mehr als drei Wochen an ein und demselben Ort. „Gebürtig aus Niedersachsen und ansonsten bin ich überall großgeworden“, sagt er.

Mit vier Jahren hatte Ruben seinen ersten Auftritt im Zirkus, als Kinderclown. Zwei Jahre später begann er mit dem Training auf dem Hochseil. Mit seiner Mutter und seiner Schwester tanzte er viele Meter über dem Boden auf einem Stahlseil. Nur ein Netz schützte die Artisten vor zu großen Verletzungen. „Einmal“, so erzählt er, „bin ich runtergefallen. Hab mir dabei den Arm gebrochen, durfte dann acht Wochen nicht hoch, was mich sehr depressiv gemacht hat.“ Auch darüber hinaus erlernte er früh, was es für einen funktionierenden Zirkusbetrieb alles zu können gilt. Sein Opa zeigte ihm das Mandelbrennen, wie man Zuckerwatte dreht und an der Kasse den Eintritt richtig kassiert.

Es war eine Kindheit, in der man abends spät ins Bett ging und am nächsten Morgen trotzdem früh aufstehen musste. Wenn Ruben morgens die Schule betrat, hatte er bereits zwei Stunden trainiert. Nach der Schule erfolgte ein zweites Training von etwa drei Stunden, abends dann bis zu drei Shows hintereinander.

Eine Jugend voller rassistischer Attacken

Die Schule wirkt wie ein Nebenschauplatz zwischen den spektakulären Aktivitäten im Zirkus und doch war es hier, wo Ruben die ersten einschneidenden rassistischen Erfahrungen machte. Diese reichten von Aussagen der Lehrer wie „Du setzt Dich mal ganz hinten in die Ecke und hältst die Klappe. Du bist ja eh nur ein Zigeuner“, bis hin zu Handgreiflichkeiten. Ein Lehrer habe ihm einmal so sehr am Ohr gezogen, dass sein Trommelfell verletzt wurde, erzählt Ruben. Die Mitschüler orientierten sich oft am Verhalten der Lehrer. Wenn die Lehrer ihm nicht wohl gesonnen waren, haben auch die Schüler ungestraft Hakenkreuze an die Tafel gemalt und ihn verprügelt. Aber er habe auch sehr gute Erfahrungen gemacht, Freunde gefunden, die er dann umsonst mit in den Zirkus nehmen konnte, fügt Ruben schnell hinzu.

Mit 16 Jahren eröffnete Ruben seinem Opa, dass er sich selbstständig machen wolle. Wie in der Familie üblich bekam Ruben daraufhin sein erstes Fahrgeschäft geschenkt, ein Kinderkarussell. Da der 16jährige noch keinen Führerschein hatte, tourte er fortan zusammen mit einem Mitarbeiter, der den großen LKW fahren konnte, von Volksfest zu Volksfest. Mit Mitte 20 hatte er sich bereits drei Kinderkarussells, einen Autoscooter, zwei Kettenflieger, ein Kasperletheater und mehrere Wägen zum Verkaufen von Kreppeln, Mandeln und Schmalzkuchen erwirtschaftet. Einen der Mandelwagen hatte er sich nach seiner Ausbildung zum Bauschreiner sogar selber gebaut.

Nachdem sich Bundesinnenminister Friedrich im Herbst 2013 vermehrt negativ gegenüber rumänischen und bulgarischen Einwanderern geäußert hatte, demonstrierten Sinti und Roma am 25.10.2013 gegen diese Form des Rassismus. Auch Ruben war unter den etwa fünfzig Demonstranten. Foto: Andrea Linss, Photographers in Solidarity.

Während seiner Arbeit auf den Volksfesten, berichtet Ruben, habe er mehrfach unter Angriffen rechtsextremer Gruppen zu leiden gehabt. Mal zerschnitten sie die Plane über einem der Kinderkarusselle, die aufgrund ihrer Robustheit an die 50.000 Euro kostete. Aber auch vor der Gefährdung seines Lebens schreckten sie nicht zurück. Eines Nachts, Ruben lag in seinem Wohnwagen, hörte er draußen ein Rascheln, dazu ein Geräusch, wie Regen es verursacht. Als er vor die Tür trat, sah er, dass sein Wohnwagen lichterloh in Flammen stand. Wäre er an diesem Abend nicht aufgestanden, um dem Geräusch auf den Grund zu gehen, hätte er wahrscheinlich nicht überlebt, vermutet Ruben. Nicht überlebt, so wie sein Onkel.

Als Rubens Onkel ermordet wurde, war Ruben 14 Jahre alt. An dem verhängnisvollen Tag spazierte Ruben gemeinsam mit seinem Onkel vom Ort des Volksfestes zu ihren etwas abgelegenen Wohnwagen. Sein Onkel bemerkte bald, dass sie verfolgt wurden, von „typischen Neonazis mit Springerstiefeln und Bomberjacke“. Der Onkel schickte Ruben ins Gebüsch, er solle sich dort verstecken. Von dort aus sah er, wie die Neonazis seinen Onkel überwältigten und ihn mit einem Messer schwer verletzten. Der Verwundete starb kurze Zeit später in Rubens Armen, noch bevor die Rettungskräfte am Tatort eintrafen.

Erwachsenenalter – Engagement für  Sinti und Roma

Als erwachsener Mann realisierte Ruben zunehmend, wie sehr die Sinti auch in der Vergangenheit verfolgt worden waren. Er fuhr nach Auschwitz, wo viele seiner Familienangehörigen ums Leben gekommen waren. Sein von ihm heiß geliebter Großvater war als junger Mann in Auschwitz interniert, glücklicherweise hat er die Zeit im Konzentrationslager überlebt. Ruben belastete diese Geschichte sehr, aber er nahm sie auch als Anlass zum Handeln. Er begann sich in der Partei „die Linke“ zu engagieren und ging mit politischen Vorträgen zur Verfolgungsgeschichte der Sinti und Roma auf Reisen.

Den Bürgerpark in Pankow schätzt Anton sehr. Aufgrund des kulturell sehr durchmischten Publikums fällt er hier nicht auf. Auch dann nicht, wenn er seinem kleinen Sohn beim Eisessen ein paar Wörter Romnes beibringt. Foto: Johanna Strunge.
Den Bürgerpark in Pankow schätzt Ruben sehr. Aufgrund des kulturell sehr
durchmischten Publikums fällt er hier nicht auf. Auch dann nicht, wenn er
seinen kleinen Kindern beim Eisessen ein paar Wörter Romnes beibringt.
Foto: Johanna Strunge.

Wir treffen Ruben in Berlin. Hier lebt er seit er sich vor drei Jahren in eine „Frau aus der Mehrheitsgesellschaft“ verliebt hat. Seine eigenen Fahrgeschäfte hat er aufgegeben, stattdessen arbeitet er für eine Organisation, die vor allem junge Roma in Berlin unterstützt. Nebenher ist er in der Freiwilligen Feuerwehr tätig und weil er seine Liebe zum Zirkus nicht ganz begraben kann und einfach so wahnsinnig gerne „Kinder bespaßt“, tritt er in ganz Berlin als Kinderclown Pepino auf.

 

 

 

 

 

 

 

Auszüge aus dem Interview

Sprecher: Arne Krause

Interview: Johanna Strunge und Dora Busch

Aus Gründen des Personenschutzes wurde das Interview anonymisiert und neu eingesprochen.

Themen des Interviews:

00:00 Zirkus

00:45 Schule

01:37 Winterzeit

02:12 Nationalsozialismus

03:10 Beziehungen

04:08 Pankow

05:33 Freiwillige Feuerwehr

06:47 Sehnsucht

 

Literatur und weiterführende Hinweise:

  • https://clownpepino.wordpress.com/
  • Für den Aufruf zur Demonstration gegen Bundesinnenminister Friedrich siehe: http://www.amaroforo.de/friedrich-es-reicht-schluss-mit-der-rassistischen-hetze-0
  • Das Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma veröffentlicht auf seiner Internetseite Überblicksdarstellung zur Geschichte der Sinti und Roma. Als Einführung in die Thematik der Verfolgung der Sinti und Roma im Nationalsozialismus kann folgende Darstellung dienen:
    http://www.sintiundroma.de/sinti-roma/ns-voelkermord.html.
  • Auch der Hinweis, dass die ersten deutschen Sinti 1407 in Hildesheim urkundlich erwähnt werden, findet sich hier: http://www.sintiundroma.de/sinti-roma.html
  • Informationen zur heutigen Diskriminierungssituation von Sinti und Roma in Deutschland sind nachlesbar in: Antidiskriminierungsstelle des Bundes: Zwischen Gleichgültigkeit und Ablehnung. Bevölkerungseinstellungen gegenüber Sinti und Roma, Berlin 2014.
  • Für einen Einblick in die Biographie der in den Tondokumenten erwähnten Sintiza Petra Rosenberg siehe:
    Anne Frank Zentrum (Hg.): Mehrheit, Macht, Geschichte. 7 Biografien zwischen Verfolgung, Diskriminierung und Selbstbehauptung, Berlin 2007.
  1. Der Name der interviewten Person ist aus Gründen des Personenschutzes in diesem Text abgeändert worden.  (zurück)

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