Wie wird an Sinti und Roma erinnert?

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Wenn wir uns erinnern…

Marthe, 16, sitzt an einem Montagmorgen um 9.15 vor einem weißen Bogen Papier. Vor ihr liegt ein Angabenblatt mit verschiedenen Fragen zur Geschichte des Holocaust. Sie sitzt, wie ihre KlassenkameradInnen, an einer Schulaufgabe. Alle müssen die Frage beantworten zu den Verbrechen der Nationalsozialisten im Dritten Reich. Den Völkermord an den Juden hatte die Klasse im Geschichtsunterricht behandelt. Doch kürzlich war sie zu Besuch in Berlin und erinnert sich an den Besuch einer Gedenkstätte…

Wie die meisten Besucher in Berlin, stolperte Marthe eher durch Zufall, als durch gezieltes Suchen über das Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas und ist überrascht von einem Völkermord an diesen zu hören. Dennoch war ihr irgendwie im Kopf, dass erst kürzlich eine Gedenkfeier an diesem Ort stattgefunden hatte. Eine Meldung im „Berliner Fenster“ hatte sie darauf gebracht und ihr Interesse geweckt, diesem Ort einen Besuch abzustatten.

Gedenkveranstaltung am 8. April 2015. Foto: Patrick Lenz
Gedenkveranstaltung am 8. April 2015. Foto: Patrick Lenz

Warum erinnern Wir, Du, Ich?

Dass Marthe bisher noch nicht so viel über den Völkermord an den Sinti und Roma, jedoch mehr zur Ermordung der jüdischen Bevölkerung gehört hatte, ist kein Zufall. Zwar ist das Verbrechen an den Sinti und Roma unter Historikern schon lange bekannt, doch offiziell erinnert wird in Deutschland erst seit 2012, als das Denkmal eröffnet wurde. Damit wurde der Völkermord an den Sinti und Roma in das sogenannte „kollektive Gedächtnis“ der deutschen Nation aufgenommen. Die Wissenschaftlerin Aleida Assmann erklärt diese Form von Erinnerung wie folgt: Jeder Einzelne erinnert sich an bedeutsame Momente seines eigenen Lebens, erinnert sich also auf seine eigene Weise. Diese Erinnerung begleitet ihn auf seinem Leben und macht ein Stück seiner Identität aus. Na klar, wenn man in der Kindheit gerne Handball spielte, wird man heute eine bestimmte Einstellung zu diesem Sport haben. Vielleicht hat man besondere Zuneigung dazu, oder findet ihn aus vielerlei Gründen doof.

Was passiert aber, wenn Menschen versterben, und damit ihre Erinnerung? Dazu haben Menschen eine Art Tradition geschaffen, das bedeutet, dass eine Gruppe von Menschen, bestimmte Dinge an die nachfolgenden Generationen weitergibt, die sie für wichtig erachten (z.B. Tischmanieren, Schreiben oder Wissen über die Vergangenheit). Das nennt Aleida Assmann kollektives Gedächtnis oder Erinnern.

Mehrheit und Minderheit

In Deutschland ist es, wie in anderen Ländern auch, meist die Mehrheitsgesellschaft, also ursprünglich deutsche BürgerInnen, die vorgeben, woran erinnert wird. Daher finden wir in unseren Geschichtsbüchern oft Themen, wie z.B. zur deutschen Geschichte vom 18.-20. Jahrhundert, also wie unser heutiges Deutschland entstanden ist. Selten erfahren wir dabei über die Geschichte von Minderheiten, wie beispielsweise Sinti und Roma oder Juden. Diese Tatsache kann man als die Deutungshoheit über die Vergangenheit durch die Mehrheit in einem Land bezeichnen. Das, was die Meisten interessiert, kommt in die Geschichtsbücher. Da Sinti und Roma mit nur 120.000 einen nur ganz geringen Teil in der Bevölkerung Deutschlands ausmachen, gibt bzw. gab es nicht so viele Interessen, dieses Thema anzusprechen.

Wandel der Erinnerung

Doch zum Glück entwickeln Menschen, und damit auch deren Erinnerung permanent weiter. So kann man sagen, dass die Politik versucht, Leiderfahrungen jeglicher Art zu thematisieren und daraus Schlüsse für gegenwärtiges und zukünftiges Zusammenleben zu ziehen. So ist es kein Zufall, dass Marthe durch die Nachrichten vom Internationalen Roma-Tag (#romaday) am 8. April gehört hatte, an dem an der Gedenkstätte in Berlin mehrere deutsche Politiker und Vertreter der Roma anwesend waren und eine Kranzniederlegung begangen. Woran die Politiker im Einzelnen dachten, wissen wir nicht, vielleicht machte sich der ein oder andere auch schon über die gleich anstehende Rede im Bundestag Gedanken, aber wichtig für Marthe und auch die Gesellschaft war, dass eine öffentliche Gedenkfeier stattgefunden hatte, von dem die Medien berichteten. Nur so konnte das Thema in die Öffentlichkeit gelangen und Marthe dazu bewegen, die Gedenkstätte aufzusuchen.

back to school

Marthe sitzt vor ihrem Aufgabenblatt und entschließt sich, den Völkermord an den Sinti und Roma zum Thema ihres Aufsatzes zu machen. In ihrer Einleitung legt sie dar, wie sie der persönliche Besuch der Gedenkstätte auf das Thema aufmerksam gemacht hat. Was sie auch noch erwähnt ist, dass ein paar Meter weiter riesige schwarze Monolithblöcke an die Ermordung der Juden in Europa erinnern. Diese Gedenkstätte kennt fast jeder, auch ist sie weitaus größer als der Ort, an dem an die Sinti und Roma gedacht wird. Doch dies ist eine andere Geschichte…

Besuchereindrücke am Denkmal Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas

Am 10. April 2015 besuchte ich das Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas und konfrontierte Besucher mit drei Fragen. Hören Sie in die Antworten rein.

1. Wie finden sie Gestaltung/Umsetzung des Ortes?

 

2. Warum gibt es so einen Gedenkort?

 

3. Wir wird die zukünftige Erinnerung an Sinti und Roma aussehen?

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