Vom Titelkampf zum Stolperstein – die Geschichte eines als Sinto Verfolgten im Nationalsozialismus

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An einem sonnigen Vormittag 2015 hallen Schritte über das Pflaster an der ehemaligen Bockbierbrauerei in der Kreuzberger Fidicinstraße. Kinderwagen werden vorbeigeschoben, Kisten transportiert. Der Blick bleibt an einem Detail im Boden haften: dem Stolperstein von Johann Trollmann, der, so ist es hier in Messing graviert, im Jahr 1933 deutscher Box-Meister im Halbschwergewicht war. Wenige Jahre später wurde er im Konzentrationslager ermordet.

Wo heute das geschäftige Treiben eines Gewerbehofs übers Pflaster hallt, ertönten im Sommer 1933 Jubel und aufgebrachte Rufe. Ein aufgeregtes Publikum, so ist es zeitgenössischen Zeitungsberichten zu entnehmen, verfolgte die letzten großen Boxkämpfe Johann Trollmanns im Sommergarten der Kreuzberger Bockbierbrauerei.

Das Jahr 1933 markiert Höhepunkt und Ende von Trollmanns Karriere. Für wenige Tage trug er den deutschen Meistertitel im Halbschwergewicht, bevor dieser ihm wieder aberkannt wurde – weil Trollmann als Sinto dem nazifizierten Boxverband ein Dorn im Auge war. Seine Profikarriere war damit beendet, es folgten Jahre der Armut und Ausgrenzung. Im Konzentrationslager endet seine Spur. Heute ist die Geschichte Trollmanns zunehmend Gegenstand geschichtskultureller Verarbeitungen.

Der Stolperstein von Johann Trollmann in der Fidicinstraße, Berlin-Kreuzberg. (Foto: A. Warnecke)
Der Stolperstein von Johann Trollmann in der Fidicinstraße, Berlin-Kreuzberg. (Foto: A. Warnecke)

Ein kurzer Höhenflug

Trollmann, auch ‚Rukeli‘ genannt, wurde 1907 in Niedersachsen geboren und machte in den 1920er Jahren als Boxer Karriere. 1928 Norddeutscher Meister, wechselte er bald zum Profiboxsport und verlegte seinen Wohnsitz nach Berlin. Trollmann galt einerseits als Publikumsliebling, andererseits spielte seine ethnische Zugehörigkeit immer eine Rolle, das wichtigste Fachorgan Boxsport diffamierte ihn durch rassistische Abwertungen, nannte ihn oft nur „den Zigeuner“.

Kurz nach der Machterlangung der Nationalsozialisten war dem jüdischen Meister im Halbschwergewicht Erich Seelig sein Titel durch den nazifizierten Verband Deutscher Faustkämpfer aberkannt worden. Die neuen Verbandssatzungen vom April 1933 richteten sich vor allem gegen Juden; nun galt Trollmann als einer der Favoriten und sollte gegen Adolf Witt um die Titelnachfolge kämpfen.

Am 9. Juni 1933 fand Trollmanns einziger Titelkampf im Hof der Bockbierbrauerei statt. Durch seine Technik, so heißt es, sei Trollmann seinem Gegner weit überlegen gewesen, das Publikum habe ihn bereits als Sieger gesehen. Nach der zwölften Runde erklärte der Ringrichter den Kampf unter Druck der Box-Funktionäre jedoch für unentschieden. „Trollmanns Freunde, die das Flitzen und Punkten ihres Mannes als eines Meisters für würdig erachteten, zeigten mächtiges Stehvermögen und malträtierten ihre Stimmbänder ungeheuerlich“, kommentierte die Boxsport die folgenden Proteste. Schließlich beriet der Sportausschuss erneut und erklärte Trollmann doch noch zum Sieger. Der Boxsport-Verband wollte diese Entscheidung jedoch nicht dulden und so wurde Trollmann wenige Tage nach dem Kampf der Titel wieder aberkannt.

Trollmann als Widerständiger

Trollmanns letzter medienwirksamer Kampf auf professioneller Ebene fand im Folgemonat statt. Zu den Ereignissen vom 21. Juli 1933 existiert eine Deutung, die viel Identifikationspotential bietet, weil sie den Boxer zum heldenhaft Widerständigen macht. Demnach sei der Boxer mit blondiertem Haar und weiß gepuderter Haut gegen den Favoriten Gustav Eder angetreten und habe den Stil des „deutschen Faustkampfes“ imitiert, bis er in der fünften Runde am Boden blieb – als Parodist nationalsozialistischer Ideologie. In verschiedenen Verarbeitungen von Trollmanns Geschichte wird dieses Bild des Boxers als widerständiger Tragöde emphatisch dargestellt. Auf eine solche Szene lässt ein Spottgedicht der Boxsport vom 24. Juli schließen, in dem es heißt: „(…) Denn Wasserstoff und Sonnenbrand – / In beiden er zu lange stand! – / Wie haben sie ihn bloß verhunzt, / ‚Verblichen‘ selbst ist seine Kunst!“ Die Vossische Zeitung hingegen erwähnt den Kampf nüchtern, ohne auf Trollmanns Erscheinung einzugehen. Es lässt sich schwer rekonstruieren, wie widerständig sich Trollmann in diesem letzten großen Kampf tatsächlich verhielt.

Ausgrenzung

Viele Spuren von Trollmanns Lebensweg in den Folgejahren liegen nicht vor – er war nach 1933 in der medialen Versenkung verschwunden, erhielt keine Angebote mehr und wurde 1934 aus dem Verband Deutscher Faustkämpfer ausgeschlossen. Er kehrte zur Familie nach Hannover zurück, später wurde er zum Arbeitsdienst zwangsverpflichtet. Seine 1935 geschlossene Ehe wurde 1938 wieder aufgelöst, wohl, um Frau und Kind zu schützen, denn die Verfolgung von Sinti und Roma im Dritten Reich wurde zunehmend drastischer. Kurz nach Kriegsbeginn wurde Trollmann zur Ostfront eingezogen, bis mindestens 1941 blieb er in der Wehrmacht eingesetzt. Die „Zigeunerzentrale“ in Hannover, die vorher bereits zwei seiner Brüder hatte deportieren lassen, veranlasste schließlich im Jahr 1942 Trollmanns Verhaftung, woraufhin er misshandelt und ins KZ Neuengamme bei Hamburg überstellt wurde.

Der Tod Trollmanns in verschiedenen Versionen

Zu Datum und Ort von Trollmanns Tod kursieren unterschiedliche Berichte. Einem Totenbuch des KZ Neuengamme zufolge starb Trollmann im Februar 1943 an „Kreislaufversagen“, Zeugen sprachen später davon, dass er erschossen worden sei. Nach Angaben eines anderen Zeitzeugen heißt es, Trollmann sei 1944 im Lager Wittenberge von einem Aufsichtshäftling erschlagen worden, nachdem dieser ihn zum Boxkampf herausgefordert habe und unterlegen sei. Diese Version legt auch der Kreuzberger Stolperstein nahe.

Auch hier scheint eine Rekonstruktion der tatsächlichen Umstände schwierig. Die verschiedenen tradierten Versionen auf unsicherer Quellenbasis legen nahe, dass es in vielen Deutungen von Trollmanns Biographie insbesondere darum geht, die Figur eines widerständigen Kämpfers zu konturieren, der Identifikationspotential bietet.

Gedenktafel für Johann Trollmann an der nach ihm benannten Boxschule in der Kreuzberger Bergmannstraße. (Foto: A. Warnecke)
Gedenktafel für Johann Trollmann an der nach ihm benannten Boxschule in der Kreuzberger Bergmannstraße. (Foto: A. Warnecke)

Boxsport und Politik

Die Geschichte Trollmanns beleuchtet auch Zusammenhänge von Boxsport und Politik in Deutschland.

Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs war der in England geprägte Boxsport verboten gewesen. 1920 wurde das Fachblatt Boxsport in Berlin gegründet, in den folgenden Jahren wurde der Boxsport, parallel zu Trollmanns Karriere, immer populärer.

Auch Hitler hielt etwas auf das Boxen und widmete ihm in Mein Kampf eine Passage, in der es als angebliches Mittel zur Stärkung des nationalen Angriffsgeistes angepriesen wird. Somit war der Boxsport in besonderem Maße politisch aufgeladen. Die Boxsport-Behörde war 1933 rasch nazifiziert, die Boxsport trug die rassistische Neuordnung mit. Der Versuch, in den 1930er Jahren eine deutsche Vormachtsstellung im Weltboxen zu erlangen, scheiterte jedoch – wohl nicht zuletzt, weil viele gute Sportler seit 1933 ausgeschlossen worden waren.

Die Wiederentdeckung von Trollmanns Geschichte in den letzten Jahrzehnten führte schließlich dazu, dass Trollmann seit 2003 vom Bund Deutscher Berufsboxer wieder als Deutscher Meister geführt wird.

Zurück zu den Stolpersteinen

Trollmann wurde zum Opfer des NS-Regimes, weil er Sinto war. Die Geschichte seines kurzen Aufstiegs und unmittelbar folgenden Falls spiegelt die Brutalität des Nazi-Regimes gegen Sinti und andere verfolgte Gruppen wider. Andererseits ist die Geschichte des Erinnerns an Trollmann auch ein Beispiel narrativer Konstruktion von Biographien. Der Boxer war eine Figur der Öffentlichkeit, heute scheint er es erneut zu sein. Dieser Beitrag reiht sich in die geschichtskulturellen Verarbeitungen um Trollmann ein, die sich wohl auch deshalb mehren, weil es verhältnismäßig wenig aufgearbeitetes Material zur Verfolgung von Sinti oder Roma im Nationalsozialismus gibt. Was auf dem Stolperstein von Trollmann nicht zu lesen ist: Es ist der einzige in der Stadt Berlin, der an einen als Sinto Verfolgten erinnert. Die Gründe dafür sind vielfältig, mitunter empfinden nicht alle Opfergruppen das Format Stolperstein als angemessen. Es gilt also, sich bewusst zu machen, wie viele Spuren von Lebensgeschichten unter dem NS-Regime Verfolgter in die Stadt eingeschrieben sind, die wir heute nicht lesen können.

Literatur

  • Roger Repplinger: Leg dich, Zigeuner. Die Geschichte von Johann Trollmann und Tull Harder. Hamburg 2008.
  • Knud Kohr / Martin Krauss: Kampftage. Die Geschichte des deutschen Berufsboxens. Göttingen 2000.
  • Kathrin Herold / Yvonne Robel: Zwischen Boxring und Stolperstein – Johann Trollmann in der gegenwärtigen Erinnerung. In: KZ-Gedenkstätte Neuengamme: Die Verfolgung der Sinti und Roma im Nationalsozialismus. Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung in Norddeutschland, Heft 14. Bremen 2012, S. 144-155.
  • Michail Krausnick: „Gipsy“ Trollmann und „Johnny“ Bamberger. Zwei Meisterboxer. In: ders.: Wo sind
    sie hingekommen? Der unterschlagene Völkerumord an den Sinti und Roma. Gerlingen 1995, S. 73-81.
  • O.A.: Trollmann k.o. In: Vossische Zeitung, Morgenausgabe vom 22.07.1933, S. 8. Online abrufbar unter: http://zefys.staatsbibliothek-berlin.de.

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